Crypto Review Oktober: Nordkorea hackt Binance, JP Morgan geht Onchain

Folge #39 · 6. November 2026 · mit Anton Werner & Martin Bechter · 40 Min. · Auf Deutsch

Anton Werner und Martin Bechter: 6,5 Mrd. gehackt

Was ist beim Binance-Hack im Oktober 2026 passiert und was bedeutet er für den Crypto-Markt?

Am 29. Oktober 2026 wurden bei Binance innerhalb von rund 20 Minuten 6,5 Milliarden Dollar entwendet, laut Anton Werner und Martin Bechter in Crypto im Kontext der größte Finanzdiebstahl der Geschichte und fast viermal so groß wie der Bybit-Hack von 2025. Ursache war ein aufwendiger Social-Engineering-Angriff mit Ursprung in Nordkorea. Rund die Hälfte der Summe konnte eingefroren werden, weil ein Teil in Stablecoins gestohlen wurde. Der restliche Schaden wurde vollständige von Binance getragen. Binance hat in Sachen Krisenmanagement extrem schnell und transparent reagiert.

Weitere Fragen zu dieser Folge

Was ist der Unterschied zwischen einem Deposit Token und einem Stablecoin?

Ein Deposit Token ist laut Anton Werner und Martin Bechter in Crypto im Kontext eine digitalisierte Bankeinlage: Er steht auf der Bilanz der Bank, wird von ihr ausgegeben und durch ihre Einlagen gedeckt. Ein Stablecoin kommt von einem Emittenten und ist in den USA überwiegend mit Staatsanleihen gedeckt.

Was ändert Solanas Alpenglow-Upgrade?

Alpenglow ist laut Anton Werner in Crypto im Kontext das größte Netzwerk-Update in Solanas Geschichte: ein neuer Konsensmechanismus, bei dem die Zustimmungen der Validatoren nicht mehr auf der Blockchain gespeichert werden. Die Finalität einer Transaktion sinkt dadurch von 12 Sekunden auf 0,15 Sekunden.

Was passiert, wenn von der größten Crypto-Börse der Welt in weniger als einer Stunde 6,5 Milliarden Dollar abgezogen werden?

Genau das war der Oktober. Der Binance-Hack hat es bis in die Mainstream-Medien geschafft, und die Spuren führen nach Nordkorea. Gleichzeitig rücken die großen Häuser der Finanzwelt weiter an die Blockchain heran: Der Eigentümer der New York Stock Exchange investiert in einen DeFi-Markt, und JP Morgan bringt digitale Bankeinlagen auf Ethereum. In unserem Monatsrückblick ordnen wir ein, wie beides zusammenpasst.

𝐖𝐚𝐬 𝐰𝐢𝐫 𝐛𝐞𝐬𝐩𝐫𝐞𝐜𝐡𝐞𝐧:

🔹 𝐃𝐢𝐞 𝐍𝐘𝐒𝐄 𝐢𝐧 𝐃𝐞𝐅𝐢: ICE, der Eigentümer der New York Stock Exchange, investiert in Trade XYZ, den größten Anbieter auf der dezentralen Futures-Börse Hyperliquid. Wir erklären, was ICE davon hat und warum ausgerechnet ein offener Ölmarkt an einem Wochenende die Wall Street auf Hyperliquid aufmerksam gemacht hat.

🔹 𝐃𝐫𝐞𝐢 𝐒𝐜𝐡𝐫𝐢𝐭𝐭𝐞 𝐯𝐨𝐧 𝐉𝐏 𝐌𝐨𝐫𝐠𝐚𝐧: Warum bringt eine Großbank ihre digitalen Bankeinlagen auf eine öffentliche Blockchain, obwohl sie dort nicht mehr die volle Kontrolle hat? Die Antwort hängt an tokenisierten Geldmarktfonds. Außerdem sieht JP Morgan Asset Management Bitcoin in seiner langfristigen Kapitalmarktprognose als Anlage mit der höchsten erwarteten Rendite.

🔹 𝐕𝐨𝐧 𝟏𝟐 𝐚𝐮𝐟 𝟎,𝟏𝟓 𝐒𝐞𝐤𝐮𝐧𝐝𝐞𝐧: Solana hat das größte Upgrade seiner Geschichte hinter sich. Für den Finanzmarkt zählt nicht nur, wie viele Transaktionen pro Sekunde durchlaufen, sondern insbesondere auch, wie schnell eine Transaktion endgültig ist.

🔹 𝐄𝐢𝐧 𝐟𝐚𝐥𝐬𝐜𝐡𝐞𝐬 𝐉𝐨𝐛-𝐈𝐧𝐭𝐞𝐫𝐯𝐢𝐞𝐰: So sind die Angreifer über Monate in die Systeme von Binance gelangt, und so schnell haben Binance, Tether und Circle danach reagiert.

🔹 𝐄𝐢𝐧𝐟𝐫𝐢𝐞𝐫𝐞𝐧 𝐨𝐝𝐞𝐫 𝐧𝐢𝐜𝐡𝐭: Ein Teil der Beute lag in Stablecoins und ließ sich sperren, bei Bitcoin und Ethereum geht das nicht. Wir besprechen, warum genau das zugleich Stärke und Schwachstelle ist.

🔹 𝐊𝐚𝐩𝐞𝐫𝐛𝐫𝐢𝐞𝐟𝐞 𝐠𝐞𝐠𝐞𝐧 𝐇𝐚𝐜𝐤𝐞𝐫: Ein Instrument aus der Zeit der Freibeuter könnte in den USA ein Comeback erleben. Was hat das mit Nordkorea zu tun, und warum wird Crypto-Sicherheit damit zur Frage der Geopolitik?

Außerdem im Rückblick: Bitcoin verliert im Oktober 7 Prozent, Ethereum 16 Prozent, und bei den ETH-ETFs gibt es deutliche Abflüsse, weil viele Anleger inzwischen unter ihrem Einstandspreis liegen. Der GENIUS Act tritt Mitte Januar voll in Kraft, ab dann brauchen US-Stablecoin-Emittenten eine Lizenz.

Im O-Ton

Wenn Crypto zu einer Einkommensquelle für einen terroristischen Staat wird, dann muss es auch im Interesse anderer Staaten sein, das zu unterbinden.
Anton WernerCo-Founder Fountainhead Digital
Die Incentives, Crypto zu hacken, sind enorm hoch, und dadurch wird diese Industrie aber immer resilienter und robuster gegen diese Angriffe.
Martin BechterCo-Founder Fountainhead Digital
Der Trend geht ganz klar in Richtung öffentliche Blockchains.
Martin BechterCo-Founder Fountainhead Digital
Transkript anzeigen

Anton · 00:02
Heute ist der 4. November, also der Tag nach den amerikanischen Midterm Elections. Es gab einen großen Sieg für die Demokraten, und siehe da: Der Markt hat zuerst etwas verhalten reagiert, Crypto hat sich wieder gefangen und ist jetzt durchwegs positiv. Etwas, was man in dieser Form nicht unbedingt erwarten hätte sollen. Was es aber auch bedeutet: Der Oktober ist rum, und das heißt, wir werden heute, so wie in den letzten Monaten, den Oktober aufarbeiten und die wichtigsten News aus dem Cryptomarkt zusammentragen. Da darf natürlich der große Binance-Hack über 6,5 Milliarden nicht fehlen. Dazu kommen wir gegen Ende der Episode, und wir werden natürlich auch darauf eingehen, was das jetzt für Auswirkungen auf den Markt kurzfristig, mittelfristig und vielleicht auch langfristig haben wird. Wir sprechen aber auch, wie in den letzten Monatsepisoden, über die weiter voranschreitende Konvergenz zwischen der traditionellen Finanzbranche und der Cryptobranche. Da gab es ein Investment von ICE in Trade XYZ, einen der größten Marktanbieter auf Hyperliquid. JP Morgan hat auch wieder ein paar Dinge im Cryptobereich annonciert, und vieles mehr. Martin, wir haben vieles aufzuarbeiten.
Martin · 01:18
Genau. Aber lass uns vielleicht zuerst einmal für die, die nicht regelmäßig den Markt verfolgen, kurz zusammenfassen und rauszoomen. Standardchart hier, das wir jetzt jedes Mal zeigen: Was sagt uns das?
Anton · 01:35
Nach zwei starken Monaten, dem August und September, gab es jetzt im Oktober die erwartete Korrektur, kann man schon fast sagen. Bitcoin hat 7 Prozent verloren, Ethereum deutlich schlechter mit minus 16 Prozent. Und die restlichen Crypto Assets, die nicht Bitcoin und Ethereum heißen und in den Top 150 Assets sind, haben sich mit minus 9 Prozent eigentlich verhältnismäßig gut gehalten. Auch deshalb, weil es zum Beispiel mit HYPE einen positiven Ausreißer gab, oder auch mit den Privacy Coins Monero und Zcash, womit stärkeren Verlusten an anderer Stelle gegengewirkt wurde.
Martin · 02:13
Ja, HYPE war ein großer Ausreißer, da gibt es ja auch einen Grund dazu, darauf werden wir später genauer eingehen. Aber grundsätzlich ist diese Korrektur kein Grund zur Sorge. Es ist schon auch interessant zu sehen, wie hier gewisse Levels immer halten und sofort wieder Käufer in den Markt kommen. Schauen wir mal, wie es weitergeht.
Anton · 02:39
Das heißt jetzt noch nicht, dass die Anfänge des Bullenmarktes damit schon im Keim erstickt wurden und wir uns in einem verlängerten Bärenmarkt befinden. Dafür ist diese Korrektur in dem Ausmaß zumindest noch nicht ausreichend. Aber schauen wir uns vielleicht im nächsten Schritt auch die ETF-Flows im Oktober an. Da gab es durch die Bank bei Bitcoin und Ether Abflüsse, bei Bitcoin prozentual gesehen und auch absolut deutlich moderater als bei Ethereum. Bei Ethereum sind schon fast 10 Prozent abgeflossen, was sicherlich auch damit zu tun hat, dass die Einstandsbasis, also der Preis, zu dem die ETH-Investoren gekauft haben, mittlerweile sehr stark unterschritten wurde. Der Einstandspreis bei ETH liegt bei ungefähr 3.200 US-Dollar, wir liegen bei ETH bei ungefähr 2.300 Dollar. Das heißt, im Durchschnitt sind diese ETH-ETF-Investoren jetzt schon sehr gehörig unter Wasser. Dass sie darauf reagieren, ist irgendwo eine logische Konsequenz.
Martin · 03:42
Warum wissen wir das?
Anton · 03:51
Weil das durch entsprechende Daten in der Vergangenheit wissenschaftlich aufgearbeitet wurde. Jeder, der Verluste auf dem Blatt Papier hat und sieht, wie diese Verluste immer größer und größer werden, zieht irgendwann die Reißleine. Und da gibt es genug empirische Daten, die zeigen, dass diese Sensibilität gegenüber Verlusten das Verkaufsverhalten von Investoren sehr stark beeinflusst.
Martin · 04:16
Das war ja eigentlich auch von den Daten, die wir uns regelmäßig anschauen, absehbar. Da haben wir ja auch einen neuen Newsletter, den wir publiziert haben. Vielleicht magst du zwei Sätze dazu sagen.
Anton · 04:29
Unsere Mitgründerin Vicky ist selbst Mathematikerin und beschäftigt sich seit zehn Jahren genau mit diesen On-Chain-Daten, also Daten, die direkt von der Blockchain extrahiert und interpretiert werden können. Sie ist da wirklich eine absolute Koryphäe auf dem Gebiet. Sie analysiert Woche für Woche die Flüsse innerhalb der Crypto-Halter und auch das Verhalten der Crypto-Halter und identifiziert in ihrem Newsletter kritische Levels, zum Beispiel auf Basis von Einstandspreisen, aber auch anderen Kriterien, die es zu halten oder zu brechen gilt, je nachdem, in welche Richtung das geht. Für jeden, der näher dran sein will, der vielleicht selbst auch Crypto Assets tradet und eine Einschätzung haben will, ist das eine absolute Empfehlung. Wir werden das dann auch in den Shownotes verlinken und hier nochmal ganz kurz einblenden.
Martin · 05:20
Das Thema ist ja schon hochkomplex, On-Chain-Analytics, aber der Newsletter ist wirklich in einer verdaulichen Art und Weise geschrieben. Natürlich etwas für jemanden, der tiefer reingehen will, aber auf jeden Fall wärmstens zu empfehlen.
Anton · 05:34
Genau. Und vielleicht ein kleiner Hinweis an der Stelle: Der Gründer von Glassnode, Glassnode ist einer der größten und führenden On-Chain-Analytics-Anbieter der Welt, wird jetzt auch zu Crypto im Kontext kommen. Darauf dürft ihr euch freuen, dass wir da gemeinsam mit ihm noch ein bisschen tiefer in das Thema reingehen. Gut, das war es zu den ETF-Flows, lasst uns zu den großen News des Monats kommen.
ICE, Trade XYZ und Hyperliquid
Martin · 05:59
Genau. Warum war Hyperliquid überhaupt so ein Ausreißer von der Price Action her? Da gab es große News. ICE kannte man bisher wahrscheinlich kaum, ICE ist der Eigentümer der New York Stock Exchange, de facto also die New York Stock Exchange. Und ICE war jetzt schon mehrmals in den Crypto-News: Sie haben, glaube ich, in Summe zwei Milliarden Dollar in Polymarket investiert, haben dann auch in OKX investiert und ein Joint Venture mit OKX gegründet, mit dem Ziel, amerikanische Aktien zu tokenisieren und auf den Markt zu bringen. Und jetzt kam die News, dass ICE in Trade XYZ investiert hat.
Wer ist jetzt Trade XYZ? Trade XYZ ist ein Marktteilnehmer auf Hyperliquid. Vielleicht kurz für die, die Hyperliquid nicht kennen: Hyperliquid ist eine dezentrale Futures-Börse, sehr spezielle Futures, die heißen in Crypto Perpetual Futures oder oft auch einfach nur Perps. Und das ist jetzt ungefähr drei Jahre alt. Hyperliquid ist deswegen recht bekannt und in den News, die machen ungefähr 1,2, 1,3 Milliarden Umsatz im Jahr und haben elf Mitarbeiter. Bisher waren das ausschließlich Perps auf Crypto Assets, das heißt im Wesentlichen Bitcoin und ETH und einige andere. Aber seit Ende 2025 ermöglicht es auch externen Marktteilnehmern, sogenannte Real World Asset Perps auf der Hyperliquid-Plattform zu starten. Hyperliquid ist heute de facto eine Plattform, wo mehrere Marktteilnehmer Märkte schaffen können. Das kann grundsätzlich jeder machen. Trade XYZ ist mit Abstand der größte und der erste, der diese Möglichkeit in Anspruch genommen hat. Trade XYZ hat eben Futures-Märkte oder Perps-Märkte für Silber, Gold, S&P 500 und auch Öl gestartet, wo riesige Volumina drüber laufen. Und ICE, der Eigentümer der New York Stock Exchange, hat nun in Trade XYZ investiert, um mit Trade XYZ im Endeffekt den Marktzugang in die USA vorzubereiten. Weil, das ist wichtig zu wissen, Hyperliquid kann von jedem auf der Welt genutzt werden, außer von US-Staatsbürgern. Es gab dann noch ein paar andere News, dazu können wir später kommen. Aber wie hast du das wahrgenommen?
Anton · 09:00
Naja, die erste, naheliegende Observation ist: Der Markt hat es sehr, sehr positiv wahrgenommen. Das ist zumindest schon einmal ein Indiz dafür, dass der Markt hier interpretiert, dass das auch für Hyperliquid eine positive Entwicklung ist. Und das ist vielleicht etwas, was gar nicht so klar ist, weil wir im Cryptomarkt auch schon Finanzierungsrunden gesehen haben, wo der Markt sehr negativ reagiert hat. Ich denke da zum Beispiel an Venice AI mit dem VVV-Token, wo der jeweilige Token stark korrigiert hat, weil in die Equity des Unternehmens investiert wurde. Das haben wir hier nicht gesehen, was natürlich auch damit zu tun hat, dass Trade XYZ nicht Hyperliquid ist und es zum jetzigen Zeitpunkt keinen Conflict of Interest gibt. Hyperliquid verdient in diesem HIP-3-Markt das Gleiche wie auf der eigenen Plattform, und die Fees des Anbieters, in dem Fall Trade XYZ, kommen on top. Das heißt, das ist keine Kannibalisierung für das Geschäft von Hyperliquid an sich und dadurch auch keine Kannibalisierung für den Token und für die Umsatzrückführung durch die Tokenrückkäufe bei Hyperliquid.
Das wäre die erste Observation. Wobei es da doch schon starke Links zwischen Trade XYZ und Hyperliquid gibt, auch vom Team her. Und Hyperliquids HIP-3-Markt ist de facto Trade XYZ, das muss man fast sagen. Ich glaube, die haben über 98 Prozent Marktvolumen hier, haben also schon eine sehr, sehr dominante Rolle. Da muss man sich vielleicht auch ein bisschen die Frage stellen: Wieso gibt es da nicht andere, die darauf bauen? Wieso ist diese HIP-3-Plattform nicht breiter aufgestellt? Woran liegt das? Hat das strukturelle Gründe? Gibt es hier Conflicts of Interest? Das ist natürlich von außen super schwer zu beantworten. Wie siehst du das?
Martin · 11:16
Irgendwie ist es ein logischer Schritt. Das ist ja nicht das erste Mal, dass man eine Plattform baut und dann selbst der erste User dieser Plattform ist und eine Applikation darauf baut. Das sieht man grundsätzlich auch bei Blockchains, wo dann Applikationen darauf aufbauen, da hatten wir schon Beispiele. Also grundsätzlich ist das nicht per se negativ, dazu ist das Ganze auch noch zu jung. Da kann man nicht erwarten, dass sofort ein traditioneller Finanzplayer damit startet. Was sie geschafft haben, ist, enorme Aufmerksamkeit von der traditionellen Finanzwelt zu erlangen. Der eigentliche Durchbruch war, als Trump beziehungsweise die USA am Wochenende im Iran eingeschritten sind und die Ölmärkte geschlossen waren, außer Hyperliquid. Auf Hyperliquid gab es einen Ölfuture-Markt, und dann hat auf einmal Bloomberg am Sonntag Hyperliquid zitiert, weil es hier auf einmal einen offenen Markt gab. Das hat DeFi, also Decentralized Finance, sehr stark ins Bewusstsein der Wall Street gebracht, glaube ich.
Anton · 12:37
Ja. Wenn wir da noch ein bisschen tiefer reingehen: Was soll ein ICE jetzt machen? ICE soll im Endeffekt diese Börse betreiben und auch das Clearing, und Trade XYZ soll die Produkte entwerfen und umsetzen. Darüber haben wir vorher auch kurz geredet. Die Frage, die ich mir stelle, ist: Braucht es Trade XYZ in dieser Konstellation wirklich, oder könnte das nicht eigentlich ICE ganz alleine machen, so wie HIP-3 ja auch konzipiert ist? Das ist ja das Prinzip, dass du hier einen technologischen Baukasten bekommst und de facto nur noch einen Markt lancieren musst. Für mich ist das nicht ganz so klar.
Grundsätzlich muss man sagen, ist das natürlich schon eine positive News, weil es diese Konvergenz zwischen TradFi und DeFi weiter vorantreibt. Für Hyperliquid ist das eine gute Geschichte, weil sie damit eine Chance haben, in den amerikanischen Markt zu kommen. Für ICE wiederum ist es eine gute Geschichte, weil sie Zugang zu Retail bekommen. Denn was man dazu sagen muss: Was ICE im Normalfall im Futures-Geschäft bedient, sind die Institutionellen. Und hier bekommen sie Zugang zu den Retail-Kunden. Das ist ja auch der Grund hinter ihrer Kooperation und ihrem Investment in OKX. Da geht es ja auch genau darum, dass man Aktien tokenisiert und Retail in den USA die Möglichkeit gibt, tokenisierte Aktien zu kaufen.
Martin · 14:12
Im Endeffekt ist ICE wahrscheinlich einer der Player, die diese ganze Disruption am besten einordnen können. Wenn Paul Atkins von der SEC gesagt hat, wir werden alles tun, damit der amerikanische Finanzmarkt on-chain kommt: Was bedeutet das überhaupt? Ich glaube, dass der Eigentümer der New York Stock Exchange einer ist, der das sehr gut einordnen kann. Und schlussendlich wird diese Innovation nicht aus der New York Stock Exchange heraus entstehen, und deswegen schaut er, dass er bei all diesen Entwicklungen dabei ist und mitlernt. So würde ich es beurteilen.
Vielleicht noch etwas Wichtiges für jemanden, weil das immer wieder so ein kontroverses Thema ist, nämlich zentrale Unternehmen und was jetzt zentral und was dezentral ist: Das hat nichts mit dem Protokoll Hyperliquid oder mit der zugrundeliegenden Technologie zu tun. Es nutzt ein Unternehmen Hyperliquid, die dezentrale Infrastruktur, um weitere Produkte darauf zu bauen. Und das ist grundsätzlich eine positive Entwicklung. Egal was Trade XYZ gemeinsam mit ICE hier an neuen Märkten erschließt, die Hälfte der Fees geht an das Protokoll Hyperliquid, und davon fließt ein Großteil de facto in den Token. Also positiv.
Anton · 15:32
Genau. Vielleicht abschließend dazu, wir sollten ja auch ein bisschen auf die Zeit achten: ICE war nicht der Einzige, der investiert hat. Stanley Druckenmiller, einer der wahrscheinlich bekanntesten Hedgefonds-Investoren der Welt, hat auch investiert, die Summe ist unklar. Und das hat auch dazu geführt, dass dieses Announcement sein allererster Post auf X war.
Martin · 15:48
Den dann interessanterweise auch noch Elon Musk kommentiert hat, mit „Interesting“. Das hat natürlich den ganzen Hype um HYPE noch befeuert.
JP Morgan auf öffentlichen Blockchains
Anton · 16:00
Gut, kommen wir vielleicht zum nächsten Thema: JP Morgan. Die haben wir ja schon ein paar Mal in unseren Ausgaben gecovert. Die haben mit de facto drei Sachen aufhorchen lassen. Nummer eins: Sie haben ihren JP Morgan Deposit Token auf Ethereum gebracht. Nummer zwei: Sie haben zwei tokenisierte Money Market Funds, die schon auf Ethereum waren, auf Solana gebracht. Und Nummer drei: JP Morgan Asset Management hat in seinem jährlichen Long-Term Capital Market Outlook zum allerersten Mal Bitcoin aufgenommen. Vielleicht gehen wir in diese Themen nacheinander rein.
Zum ersten Thema, JP Morgan Deposit Token auf Ethereum, vielleicht ganz kurz eine Einordnung. Ein Deposit Token ist kein Stablecoin. Das ist im Endeffekt eine digitalisierte Bankeinlage, ist also auf der Bilanz der Bank, wird von der Bank ausgegeben und durch die Einlagen der Bank gedeckt. Während ein Stablecoin von einem Emittenten ausgegeben wird und die Deckung, in den USA zumindest, großteils oder fast ausschließlich über Staatsanleihen passiert. In Europa ist das ein bisschen anders, und der Stablecoin gilt dadurch nicht als Bilanzvermögen für die Bank. Diesen JP Morgan Deposit Token gibt es schon länger, und der soll am Ende des Tages Zahlungsflüsse für Kunden innerhalb des JP Morgan Banknetzwerks abwickeln, viel effizienter und auch konstant. Das machen die tatsächlich auf ihrer eigenen Blockchain, die sie eigens dafür entwickelt haben.
Martin · 17:30
Eigene Blockchain heißt, die ist nicht öffentlich.
Anton · 17:51
Eigene Blockchain heißt, die Grundlage war damals im Endeffekt Ethereum. Das heißt, das ist auch auf Solidity programmiert, die Smart Contracts funktionieren genauso wie auf Ethereum. Nur sind sie die einzigen Validatoren. Das ist ein geschlossenes System, sie sind die Einzigen dahinter, das ist keine öffentliche Blockchain, das heißt, es ist fully private. Sie verantworten das, sie kontrollieren das zu 100 Prozent. Und damit wickeln sie jetzt innerhalb ihrer Kundschaft die Zahlungsflüsse ab. Macht ja auch irgendwie Sinn.
Jetzt sind sie aber hergegangen und haben diesen JP Morgan Deposit Token vor ein paar Monaten auf die Base Chain gebracht, das ist eine Layer 2 von Ethereum. Und in weiterer Folge, im Oktober, jetzt auf die Ethereum Main Chain. Was schon einmal spannend ist, wenn man sich die Frage stellt: Wieso bringen die das jetzt auf eine öffentliche Blockchain? Was ist denn der Grund dahinter? Da haben sie ja nicht mehr diese vollumfängliche Kontrolle darüber wie bei ihrer eigenen Blockchain.
Und das hat tatsächlich ein bisschen was mit dem nächsten Thema zu tun, nämlich den tokenisierten Money Market Funds. Die sind nämlich schon auf Ethereum, und die haben sie jetzt auch auf Solana gebracht. Was das bedeutet: Wenn diese Fonds auf diesen Blockchains tokenisiert sind und sich dort bewegen, dann sollten sie auch das Cash Leg genau dorthin bringen, um das Settlement wirklich instant zu machen und komplett in ihrem Universum behalten zu können. Das heißt, man kann dann als Institutioneller hergehen und den tokenisierten Money Market Fund auf Ethereum mit dem Deposit Token von JP Morgan kaufen, der auf Ethereum schon ist. Und dann wird natürlich eine runde Geschichte daraus.
Martin · 19:19
Und auch als Nicht-JP-Morgan-Kunde. Das heißt, sie eröffnen sich de facto weltweit. Ich finde das schon ein starkes Signal, dass JP Morgan hier zunehmend in diese öffentliche Blockchain-Infrastruktur geht. Migrieren würde ich nicht sagen, es ist kein Ersatz, aber sicher eine Ausweitung, weil sie erkennen, dass das auch neue Märkte erschließt. Es wird ja oft der Vergleich herangezogen, Private Blockchain versus Public Blockchain, so ähnlich wie damals im Internet das Intranet und das Internet. Am Anfang wollte auch jeder das geschlossene private Intranet im Unternehmen haben, das es heute de facto in der Form gar nicht mehr gibt. Aber es wird sich zeigen. Der klare Trend geht ganz klar in Richtung öffentliche Blockchains.
Anton · 20:12
Da ist auf jeden Fall etwas Interessantes zu ergänzen. Der zweite dieser tokenisierten Money Market Funds hat eine ganz komische Abkürzung, ich muss kurz nachschauen, JLTXX wahrscheinlich. Das ist tatsächlich ein Money Market Fund, der darauf ausgerichtet ist, dass Stablecoin-Emittenten ihn als Kollateral hinterlegen können, als Sicherheit. Das Spannende ist: Anfang des Jahres wurde er mit 100 Millionen aufgelegt, die von JP Morgan selbst geseedet wurden, das hat sich seitdem verzehnfacht. Das heißt, da bereiten die das jetzt wirklich vor, was ja auch noch ein Thema sein wird, nämlich dass der GENIUS Act dann in Kraft tritt. Darüber sprechen wir ja auch noch in Kürze. Aber das ist schon spannend, wie strategisch die an die Sache rangehen.
Martin · 21:00
Und das kann auch ein starkes Argument dafür sein, dass diese Tokenisierung vielleicht deutlich schneller voranschreiten wird, als wir glauben. Denn je mehr Assets on-chain sind, desto mehr zieht das de facto die anderen Assets auch on-chain, so wie du es jetzt sagst, wenn der Money Market Fund on-chain ist.
Anton · 21:25
Desto weniger ist es fragmentiert, meinst du.
Martin · 21:27
Ja. Sonst hast du diese zwei Welten. Wenn der Money Market Fund on-chain ist, das Cash Leg aber in der alten, analogen, unter Anführungszeichen privaten Welt liegt, dann müssen die nachwandern, und das zieht dann eventuell deutlich schneller Assets auf die Blockchain. Und dann kann das wirklich auch exponentiell wachsen. Mal sehen.
Anton · 21:46
Genau. Und das sind dann Netzwerkeffekte, die auf Produkte greifen werden.
Gut, der letzte Punkt, den können wir, glaube ich, auch recht kurz halten. JP Morgan hat, so wie ich es gesagt habe, zum allerersten Mal im 31. Jahr dieser Ausgabe durch den Asset-Management-Arm in seinem Long-Term Capital Market Outlook Bitcoin aufgenommen. Und siehe da: Bitcoin wird sogar die höchste erwartete Rendite auf die nächsten 10 bis 15 Jahre zugeschrieben, mit circa 10 Prozent, also vor US-Equities, Private Equity und allen anderen Assetklassen. Spannend. Empfehlen sie aber trotzdem nicht, es ins Portfolio mit aufzunehmen. Aber zumindest eine Honorable Mention ist ja schon einmal ein erster kleiner Schritt.
Martin · 22:31
Interessant, aber bei 10 Prozent per annum werden sich wahrscheinlich viele Bitcoiner sehr beleidigt fühlen.
Stablecoins und der GENIUS Act
Martin · 22:41
Gut, dann vielleicht kurze News zu Stablecoins, weil ich das in den USA auch immer wieder ein bisschen verwirrend finde. Es hat ja diesen GENIUS Act 2025 schon gegeben. Das Gesetz wurde verabschiedet, es ist aber noch nicht voll in Kraft, und das wird erst, ich glaube, am 18. Jänner, also Mitte Januar, in Kraft treten. Dann ist diese Lizenz als Stablecoin-Emittent notwendig.
Der Gesetzgeber hat jetzt über ein Jahr Zeit gehabt, die genauen Regeln auszuarbeiten. Das war bei MiCA im Endeffekt genau das Gleiche, das ist dann auch erst später in Kraft getreten. Und erst als das wirklich in Kraft war, sind dann immer mehr Player auf den Markt gekommen. Das heißt, wir können davon ausgehen, dass viele amerikanische beziehungsweise US-Dollar-Stablecoin-Emittenten erst Anfang nächsten Jahres wirklich starten und auf den Markt gehen. Und wir können davon ausgehen, dass das Volumen von Stablecoins nächstes Jahr stark steigen wird.
Sonst eigentlich dazu nichts zu sagen. Vielleicht als nächster kurzer Wechsel ein bisschen auf die technologische Seite. Da hat es ein großes Upgrade gegeben, von der zweitmeistverwendeten Blockchain, nämlich Solana. Was hat sich da getan?
Solana und das Alpenglow-Upgrade
Anton · 24:07
Solana hat das größte Netzwerk-Update seiner Geschichte durchgeführt, das heißt Alpenglow. Im Endeffekt wurde mit Alpenglow ein neuer Konsensusmechanismus eingeführt. Für all jene, die nicht wissen, was ein Konsensusmechanismus ist: Das ist im Endeffekt das Verfahren, wie sich Rechner in einem Blockchain-Netzwerk wie Solana, die nennt man Validatoren, darauf einigen, dass eine Transaktion dann auch endgültig ist.
Alpenglow macht das Konsensusverfahren bei Solana viel, viel schneller als das vormalige. Und das war schon eines der schnellsten in der Branche überhaupt. Das Kernproblem beim alten System war, sehr vereinfacht gesagt, dass jeder Validator seine Zustimmung auf die Solana Blockchain geschrieben hat. Das hat Zeit gekostet, hat aber auch Platz auf der Blockchain eingenommen und hat 75 Prozent der kompletten Speicherkapazität dieser Blockchain vollgeschrieben. Alpenglow ist da viel effizienter, diese Zustimmungen werden nicht mehr direkt auf der Solana Blockchain abgespeichert, und dadurch ist das System viel, viel schneller und auch datenschlanker.
Und um eine Einordnung zu geben: Die Finalität, so nennt man den Zeitraum von dem Zeitpunkt, zu dem die Transaktion gepostet wurde, bis zu dem Zeitpunkt, zu dem sie wirklich endgültig ist, und wir wissen, wenn bei der Blockchain etwas endgültig ist, kann es auch nicht mehr verändert werden, dieser Zeitraum war 12 Sekunden. Mit Alpenglow reden wir von 0,15 Sekunden.
Und vielleicht da noch zur Einordnung: Als wir in dieser Branche angefangen haben und diese Ethereum-Killer dahergekommen sind, wie zum Beispiel Solana, Avalanche und wie sie nicht alle heißen, da war die eine Metrik, die alle zitiert haben, TPS, Transactions per Second. Bitcoin macht ja nur neun Transaktionen pro Sekunde, das war damals gültig und ist heute noch immer gültig. Aber Visa macht 27.000, und wir müssen als Blockchain viel mehr TPS auf die Straße bringen. Und dann hat jeder mit unterschiedlichen Tests, die real oder nur theoretisch waren, die TPS propagiert. Aber es geht nicht nur um TPS. TPS ist die Durchlaufgeschwindigkeit. Es geht auch darum, wie schnell diese Transaktionen dann auch wirklich final und nicht mehr umkehrbar sind. Weil das ist genau das, was wir im traditionellen Finanzmarkt auch brauchen. Wenn ich ein Wertpapier verkaufe, will ich, dass diese Transaktion steht und nicht mehr reversibel ist. Und das ist ganz, ganz wichtig: eine kurze Finalität für Blockchains, um die Adoption im traditionellen Finanzmarkt weiter voranzutreiben. Hyperliquid zum Beispiel hat auch eine Sub-Second-Finalität, ist halt unglaublich schnell. Das braucht es genau für diese Vorgänge, und das ist notwendig, damit Blockchains auch konkurrenzfähig sind gegenüber den traditionellen Systemen, die im Durchschnitt nämlich deutlich schneller sind.
Martin · 27:06
Im Endeffekt bedeutet es: Solange das nicht final ist, muss irgendjemand das Risiko tragen. Es geht eigentlich nur darum, wer die heiße Kartoffel hat, wer das Risiko trägt. Und Risiko kostet, und das will keiner haben. Je schneller das geht, desto besser, und desto mehr Kapital wird auch freigesetzt.
Vielleicht an der Stelle kurz eine kleine Analogie, wenn man das hört, Transactions per Second und Finality. Ich fand eine Analogie, die der Gründer von Avalanche gesagt hat, ganz passend: Man muss sich das vorstellen wie ein Pizzarestaurant. Transactions per Second bedeutet, wie viele Pizzen dieses Restaurant durch die Küche bringen kann. Und die Finality ist, wie schnell du die Pizza von der Bestellung bis zum Tisch hast. Mit anderen Worten: Blockchains müssen, damit sie den gesamten Finanzmarkt unterbringen können, ein großes Pizzarestaurant sein, wo du die Pizza relativ schnell bekommst. Ich hoffe, das bleibt einigermaßen hängen. Ich bekomme schon Hunger.
Vielleicht eine andere interessante Geschichte, die auch ein bisschen speziell für Solana ist: Der Konsensus ist wirklich die Kerntechnologie einer Blockchain, das ändert man nicht so leicht. Ich kenne eigentlich gar keine andere Blockchain, die das gemacht hat, außer Ethereum.
Anton · 28:42
Ja, Ethereum mit Proof of Stake dann.
Martin · 29:00
Genau, und das war auch ein riesiger Schritt. Im Endeffekt haben Schweizer Professoren diesen Alpenglow-Konsensus entwickelt und haben der Solana Foundation einfach gesagt, wir haben da eine andere Idee, das kann man schneller machen. Und der Gründer von Solana hat gesagt, wenn es besser ist, schauen wir es uns an. Und hat de facto über Bord geworfen, was bisher war. Schon eine interessante Einstellung, wie man das weiterentwickelt. Und deswegen heißt Alpenglow auch Alpenglow, um das jetzt zu beenden: Das heißt Alpenglühen auf Deutsch. Und das ist eine Anspielung auf die Schweizer Berge, weil das ja Zürcher Professoren gewesen sind.
Anton · 29:21
Ich dachte, die Österreicher sind ein Abklatsch.
Martin · 29:29
Gut, das heißt, der Solana-Konsensus hat seinen Ursprung in der Schweiz.
Der Binance-Hack
Anton · 29:35
Gut, und dann kommen wir jetzt auf das Thema, das uns natürlich alle im Oktober beschäftigt hat, den Binance-Hack. Martin, gib doch mal einen kurzen Abriss. Was ist denn da eigentlich passiert? Ich weiß nicht, wie es dir geht, ich wurde tatsächlich von vielen meiner Freunde darauf angesprochen, die sonst nichts mit Crypto am Hut haben, weil das überraschenderweise auch tatsächlich in die Mainstream-Medien gekommen ist. Im Vergleich dazu schafft es fast alles, was in Crypto positiv abgeht, nicht in die Medien, aber das hat es natürlich geschafft.
Martin · 30:02
Das Alpenglow-Update von Solana schafft es nicht in die Mainstream-Medien. Da ist es viel reißerischer, wenn so etwas Negatives passiert.
Was ist im Endeffekt passiert? Es sind innerhalb von 20, 30 Minuten, in Summe war es, glaube ich, eine Stunde oder so, 6,5 Milliarden Dollar auf Binance gehackt worden. Eine ziemlich dramatische Summe, ich glaube, überhaupt der größte Finanzdiebstahl der Geschichte, nicht nur in Crypto. Um das einzuordnen: Das ist fast viermal so groß wie der bisher größte Hack, der auch nicht so lange her ist, nämlich Bybit vor, glaube ich, gut einem Jahr.
Und was ist da im Endeffekt passiert? Wir gehen jetzt nicht in die Details rein. Es ist ein sehr, sehr anspruchsvoller Social-Engineering-Hack passiert, der seinen Ursprung leider wie so oft in Nordkorea hat. Bei Binance hat schon im Juni ein Developer eine Software heruntergeladen, die dann gewisse Einblicke in Kommunikationsflüsse von Binance gebracht hat. So konnten die Hacker verstehen, wer welche Infrastrukturzugänge hat, um auf den richtigen zu kommen. Ein zweiter Developer hatte dann, glaube ich im September oder Oktober, ein Fake-Job-Interview, das komplett authentisch und extrem real durchgeführt wurde. Der wurde einfach versucht zu hiren, und in diesem Job-Interview hat er eine Aufgabe herunterladen müssen, was auch marktüblich ist. So ist dann eine weitere Infiltration in die Systeme gekommen, und dann haben sie im Oktober, am 29. Oktober, innerhalb von 20 Minuten diese riesigen Summen abziehen können. Im Detail super komplex.
Ich muss zuerst einmal sagen: Als ich das gehört habe, war ich für mich erstaunlich gelassen, weil ich mir gedacht habe, Binance ist ein anderes Kaliber. Die haben schon ganz andere Stresssituationen gemeistert. Und sie haben eigentlich auch jetzt wieder gezeigt, wie schnell und professionell sie mit solchen Situationen umgehen. Zum einen, das hat nichts mit Binance zu tun, haben Tether und Circle innerhalb von 20, 30 Minuten extrem schnell reagiert und 1,7, 1,8 Milliarden Dollar an Stablecoins eingefroren. Ich habe heute einen Post dazu gemacht: Innerhalb von 70 Minuten hat dann der Gründer von Binance, CZ, den ersten Post gemacht und gesagt, ja, wir wurden gehackt, User Funds sind safe. Kurz darauf ist Binance selbst mit den Announcements rausgegangen, also innerhalb von 70 Minuten, nachdem das Erste überhaupt passiert ist. Und die haben dann in den Tagen darauf regelmäßige Reports und Updates kommuniziert und gestern, glaube ich, eine sehr, sehr umfassende erste Post-Mortem-Aufarbeitung veröffentlicht, wo sie sehr viele Details darüber kommuniziert haben, wie genau dieser Hack stattgefunden hat, inklusive Source Code. Weil sie damit im Endeffekt auch den anderen Marktteilnehmern und der Industrie helfen können, weil sie sagen, nur wenn wir gemeinsam gegen diese Risiken vorgehen, werden wir als Industrie sicherer.
Da kann man jetzt noch in viele Details gehen. Ich fand das beeindruckend, wie schnell und transparent nicht nur Binance agiert hat, sondern auch andere Marktteilnehmer. Im Hintergrund sind noch viel mehr involviert, nämlich Forensikfirmen, da gibt es keine Namen, aber es gibt mehrere, die mittlerweile unglaublich schnell agieren. Wie hast du das wahrgenommen?
Anton · 34:35
Zuallererst muss man sagen: Weil es die größte Exchange ist, galt sie bis dato vielleicht vermeintlich auch als die sicherste, obwohl sie den größten Honeypot darstellen muss und dadurch auch am attraktivsten für Hacker sein muss. Dass es sie bis dato nicht erwischt hat, war natürlich auch immer ein Zeichen für die Qualität der Arbeit der Sicherheitsabteilung. Das hat jetzt einen Fleck bekommen, auch irgendwo ganz klar. In diesem Post-Mortem wurde ja auch gesagt, dass allein in den letzten zwölf Monaten über 50 Mal versucht wurde, sie zu hacken, und dass sie auf die unterschiedlichsten Arten und Weisen attackiert worden sind, von Social Engineering bis zu anderen Formen von Cybercrime. Das ist anscheinend jetzt wirklich die Realität all dieser Börsen und die größte Herausforderung, mit der sie alle zu kämpfen haben.
So wie du sagst, beruhigend ist die Tatsache, dass dieses Unternehmen aufgrund seiner Größe und seiner Profitabilität nicht einmal ansatzweise einen Zweifel hat aufkommen lassen, dass dieser Vorfall sie ins Wanken bringen könnte. Und das ist sicherlich auch einer der wichtigsten Punkte, der die Reaktion des Marktes recht mild gestimmt hat, dass da eigentlich nach ein paar Stunden klar war: Leute, das ist ein Riesenausmaß, aber das wird uns nicht umbringen, und wir werden alle Kundengelder ersetzen. Das ist, so wie du gesagt hast, auch auf diese unglaublich transparente und schnelle Kommunikation zurückzuführen.
Martin · 36:28
Sie haben dann jegliche Withdrawals, also Überweisungen aus der Börse, gestoppt und, glaube ich, vor zwei Tagen wieder reaktiviert. Am ersten Tag wurden, glaube ich, drei Milliarden abgezogen, und in den Tagen darauf sind schon wieder zwei Milliarden zugeflossen. Ich kann mich noch sehr gut erinnern, als FTX pleite gegangen ist, da ist komplette Panik ausgebrochen, weil alle gesagt haben, Binance ist next, Binance kommt ins Wanken, und dann ist der Markt tot. Da sind noch ganz andere Volumina von Binance abgezogen worden. Da hatte ich selbst damals am schlimmsten Tag, wo alle gesagt haben, Binance geht, noch Transaktionen abgezogen, und das ging wie ein Uhrwerk. Also in der schlimmsten Stresssituation. Und das bringen wenige hin.
Interessant hier ist: Binance hat ja bekanntermaßen keine MiCA-Lizenz bekommen. Da gab es vom Wall Street Journal auch, glaube ich, Veröffentlichungen, dass von höchster europäischer Stelle angeordnet wurde, dass Binance keine Zulassung bekommt. Die Frage ist, ist das gut? Im Endeffekt geht es um den Schutz der User, der Konsumenten. Das schafft jetzt einen Marktteilnehmer ohne Regulatorik. Es wäre, glaube ich, schon im Sinne des europäischen Marktes, dass genau dieser Player auch in ein regulatorisches Umfeld kommt. Ich kann aus der Ferne natürlich nicht beurteilen, ob das an Binance liegt oder am Willen von wem auch immer. Aber das wäre schon wichtig, dass die größte Crypto-Börse der Welt hier auch in ein regulatorisches Umfeld kommt. Sie zeigen aber: Sie setzen den User absolut an erste Stelle. Und die Frage ist, ob eine Regulatorik das hätte vermeiden können. Da habe ich Zweifel.
Einfrieren, Nordkorea und Kaperbriefe
Anton · 38:32
Das wage ich auch zu bezweifeln. Zwei Punkte, die ich noch aufbringen wollen würde, die für mich relevant sind zu nennen, weil ich glaube, dass sie in Zukunft eine Relevanz haben werden.
Das eine Thema ist: Von diesen 6,5 Milliarden sind plus minus 50 Prozent wieder eingefroren worden und können dadurch auch wieder zurückgebracht werden. Das ist natürlich dem Umstand zu verdanken, wenn man so will, dass Assets wie USDC und USDT gestohlen worden sind. Das heißt, das sind Stablecoins, wo der Emittent volle Kontrolle über diese Assets hat. Der Emittent kann zu jeder Zeit die Assets in deiner Wallet, wenn das als illegal gesehen wird, einfach einfrieren und vernichten. Das ist natürlich ein absolutes Werkzeug, das man hier in der Hand hat, das in solchen Situationen ungemein gelegen kommt. Was aber auch ein Werkzeug ist, das mit sehr viel Bedacht eingesetzt werden muss. Darüber haben wir ja auch schon einmal im Zusammenhang mit dem Kelp-DAO-Hack gesprochen, wo es eine ähnliche Thematik war.
Das heißt, die Assets, mit denen die Angreifer davongekommen sind, sind dezentral, wo das gar nicht passieren kann. Und das ist Bitcoin und Ethereum. Das ist in vielerlei Hinsicht positiv, in dieser Situation negativ, weil es halt keiner kontrollieren kann. Das ist die Sonnen- und die Schattenseite. Und das ist sicherlich ein Thema, das uns in Zukunft noch viel stärker verfolgen wird. Da bin ich mir ganz sicher, weil es natürlich auch die Regulatoren auf den Plan rufen wird.
Martin · 40:34
Eine Sache, die wir auch beobachtet haben, ich weiß nicht, ob das immer so war, ist, dass das FBI extrem...
Anton · 40:46
Und das ist mein zweiter Punkt. Mein zweiter Punkt ist der: Bis dato, wenn Crypto Exchanges gehackt worden sind, naja, dann sind halt Crypto Exchanges gehackt worden. Das war ein Übel, das man auf eine gewisse Art und Weise in den letzten Jahrzehnten akzeptiert hat. Das war ja bei weitem nicht der allererste Hack. Wenn man das aufsummiert, ist Nordkorea bei ungefähr 10 Milliarden in den letzten zehn Jahren. Wenn man ins Verhältnis setzt, was deren Marktwirtschaft ist, das sind ungefähr 20 Milliarden im Jahr, dann ist das ein nicht unrelevantes Einkommen für diesen Staat. Und was die damit machen, ist logischerweise nicht die Finanzierung von Bildung für ihre Bürger oder irgendetwas anderes gesellschaftlich Vorteilhaftes, sondern damit werden ziemlich sicher ihre Atombestrebungen finanziert. Und damit ist das ein politisches Thema. Wenn Crypto zu einer Einkommensquelle für einen terroristischen Staat wird, dann muss es auch im Interesse anderer Staaten sein, das zu unterbinden und diesen Honeypot zu versiegeln.
Und das jetzt natürlich umso mehr, wenn wir davon ausgehen, dass die traditionelle Finanzbranche auf die Blockchain geht. Weil dann ist es vielleicht nicht mehr eine Exchange, die gehackt wird und bei der Retail im schlimmsten aller Fälle den Loss zu tragen hat, sondern es sind Institutionen. Und da gibt es in den USA auch schon vor diesem Hack Bestrebungen, die mehr Durchschlagskraft fordern und den Staat dazu animieren, zu Mitteln zu greifen, um den privaten Sektor zu incentivieren. Der private Sektor ist natürlich der, der in der Innovations- und Schöpfungskraft am weitesten voraus ist, genau dieses Know-how und Wissen einzusetzen, um nicht nur Defense zu spielen, sondern zurückzuschlagen und in die Offense zu gehen.
Da hat der ehemalige Vorsitzende der CFTC gemeinsam mit unserem nächsten Gast, Chris Perkins von Franklin Templeton, vor einem Jahr, ich glaube in der Financial Times, ein Op-Ed veröffentlicht, wo sie gesagt haben, es sollte eine jahrhundertealte Verankerung in der amerikanischen Verfassung zurückgeholt und eingesetzt werden, um eben den privaten Sektor zu incentivieren, hier in die Offensive zu gehen. Und das sind im Endeffekt Kaperbriefe. Das klingt jetzt komisch, weil das aus einer Zeit kommt, in der Freibeuter gekommen sind und versucht haben, die Supply Chain des Staates zu untergraben. Diese Kaperbriefe wurden an private Unternehmen ausgestellt, die zurückgeschlagen und die Freibeuter attackiert haben, um genau diese Supply-Chain-Attacken zu unterbinden.
Und genau das wird jetzt auch gefordert, beziehungsweise wurde schon vor einem Jahr gefordert. Denn im August wurde hier tatsächlich vom Weißen Haus etwas unterschrieben, was genau in diese Richtung geht. Die einzige Limitierung ist, dass das nicht gegen staatliche Organisationen verwendet werden darf. Das heißt, eine amerikanische Cybersecurity-Firma kann zum Beispiel anfangen, ein mexikanisches Kartell zu hacken und Gelder zurückzuholen. Aber eine State-sponsored Organisation wie TraderTraitor, die diesen Hack hier für Nordkorea gemacht hat, nicht vermeintlich, sondern das ist wahrscheinlich jetzt auch schon vollends bewiesen, die können noch nicht attackiert werden. Und da gibt es jetzt mehr und mehr Stimmen, die sagen, dieser letzte Schritt muss auch noch möglich sein.
Lange Rede, kurzer Sinn: Das Thema wird dazu führen, dass das jetzt auch auf eine politische Ebene kommt, auf eine geopolitische Ebene, weil Crypto halt nicht mehr einfach eine Jux und Tollerei von ein paar Retail-Investoren ist, sondern weil es hier um staatliche Player geht.
Was die Industrie daraus lernt, und der Ausblick
Martin · 45:17
Im Post-Mortem von Binance sind ja auch in mehreren Passagen AI-Tools drinnen. Natürlich hat die AI-Entwicklung in der Zunahme dieser Hacks eine große Bedeutung, und das wird auch nicht abnehmen. Aber es ist wahrscheinlich auch naiv oder riskant zu glauben, dass das nur die Cryptoindustrie betrifft. Es werden alle Industrien, alle Datenbanken, Banken, staatliche Organisationen immer mehr gehackt.
Und um jetzt vielleicht positiv zu schließen: Man kann aus diesen ganzen Hacks, so blöd das klingt, etwas extrem Positives herausziehen, wir haben es schon mehrmals gesagt. Diese Industrie wird ständig extrem stressgetestet. Sie ist im Maximum der Transparenz und Offenheit, und die Incentives, Crypto zu hacken, sind einfach enorm hoch. Dadurch wird diese Industrie immer resilienter und robuster gegen diese Angriffe, und sie lernt auch extrem schnell aus diesen Angriffen. Ja, sie passieren noch immer, und die Frage ist, wie lange das noch passiert. Aber die Lernkurve ist trotzdem hoch, und da kann man wahrscheinlich davon ausgehen, dass sie sicherer sein werden als zentrale Datenbanken, die lokal gewartet werden.
Und in diese Richtung geht auch, du hast es erwähnt, unser nächster Gast. Wir werden, by the way, Crypto im Kontext jetzt zunehmend auch auf Englisch haben, weil wir uns nicht auf den deutschsprachigen Raum einschränken wollen. Wir werden bei Deutsch bleiben, aber wenn wir internationale Gäste holen, logischerweise auf Englisch wechseln. Chris Perkins, Head of Crypto von Franklin Templeton, ist unser erster internationaler Gast, die Folge wird nächsten Freitag ausgespielt. Und darauf werden wir recht bald den Gründer des größten unabhängigen Vermögensverwalters der USA zu Gast haben, logischerweise auch eine englische Folge. Der hat, glaube ich, zur Spitze 330 Milliarden Dollar verwaltet, und er hat eine ganz, ganz spannende Position zu Crypto, die wir dann hören wollen.
In diesem Sinne: Wer bis jetzt zum Schluss zugehört hat und noch nicht subscribed hat, bitte tut das, damit ihr diese zwei Folgen nicht versäumt. Gut, in diesem Sinne sind wir durch. Bis zum nächsten Mal.

Die Hosts

Anton Werner
Crypto im KontextFountainhead Digital

Anton Werner begann seine Laufbahn nicht bei Digital Assets, doch jeder Schritt führte ihn dorthin.

Mehr über Anton Werner →
Martin Bechter
Crypto im KontextFountainhead Digital

Martin Bechter beschäftigt sich seit 2017 mit Krypto, anfangs skeptisch, heute überzeugt.

Mehr über Martin Bechter →